Auf einen Blick
Biokunststoffe stellen eine vergleichsweise neue Materialklasse dar, die vieles gemeinsam hat mit konventionellen Kunststoffen. Was sie unterscheidet ist
- die Nutzung nachwachsender Rohstoffe bei der Herstellung
- die biologische Abbaubarkeit und Kompostierbarkeit vieler Biokunststoffprodukte.
Ihre Entwicklung folgt dem Vorbild der Natur: 100 Milliarden Tonnen Biomasse werden jährlich durch Pflanzen erzeugt, angetrieben durch Sonnenlicht und Fotosynthese. Die gleiche Menge wird vor allem durch biologischen Abbau, betrieben durch eine Vielzahl von Mikroben, wieder in die Ausgangsprodukte zerlegt: Kohlenstoffdioxid (CO2), Wasser sowie geringe Mengen an Biomasse und Mineralien. Diesen geschlossenen Kreislauf zu imitieren, ist das Ziel der Biokunststoffindustrie. So lassen sich klimaschädliche CO2-Emissionen reduzieren und fossile Ressourcen für spätere Generationen sparen.
Der CO2-Kreislauf in idealisierter Form
Kernpunkt ist die Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Deren großer Vorteil – die Einsparung fossiler Ressourcen und von CO2-Emissionen – macht Biokunststoffe zu einer wichtigen Innovation für eine nachhaltige Entwicklung. Kunststoffe stellen mit einem weltweiten Verbrauch von heute mehr als 250 Millionen Tonnen und einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von ca. 5% das größte Anwendungsgebiet von Erdöl außerhalb des Energie- und Transportsektors dar. Auch wenn ihr Anteil am Erdölverbrauch mit etwa 5% vergleichsweise klein erscheint, sollte klar sein, wie anhängig die Kunststoffindustrie vom Öl ist. Der durch starke Nachfrage und politische Auseinandersetzungen verursachte Preisanstieg bei Erdöl und Erdgas schlägt auch auf den Kunststoffmarkt durch. Es erscheint immer wichtiger und dringlicher auch in diesem bedeutsamen Wirtschaftszweig – seine Wirtschaftsleistung in Europa beträgt über alle Bereiche hinweg ca. 200 Milliarden Euro – alternative Rohstoffe einzusetzen.
Mit den heutigen Biokunststofftypen lassen sich etwa 5-10% des heutigen Kunststoffmarktes abdecken, dazu kommen gänzlich neue Anwendungen wie z.B. kompostierbare Folienprodukte. Dieses technische Potenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft: Biokunststoffe stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung, ihr Marktanteil liegt heute bei deutlich unter einem Prozent. Der Markt wächst, in vielen Anwendungsbereichen, z.B. bei Verpackungen oder Agrarfolien , steigen Anzahl und Menge dynamisch an. Durch geschickte Nutzung der Funktionalität der Werkstoffe und Ansprache des enorm positiven Images beim Verbraucher kann erfolgreich vermarktet werden. Damit Verbraucher die Produkte erkennen und von konventionellen Kunststoffen unterscheiden können, wurde eine Kennzeichnung entwickelt, die auf wissenschaftlich basierten Kriterien von biologischer Abbaubarkeit und Kompostierbarkeit der Produkte beruht.
Die Wettbewerbsfähigkeit von Biokunststoffen hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Nicht nur wegen der teuer gewordenen konventionellen Kunststoffe, auch die technischen Eigenschaften oder die vereinfachte Verwertung nach Gebrauch können zu wirtschaftlichen Vorteilen führen. Noch sind die meisten Produkte teurer als die seit vielen Jahren am Markt befindlichen erdölbasierten Kunststoffe. Biokunststoffe werden heute noch in vorwiegend kleinen Produktionsanlagen erzeugt (Gesamtproduktionskapazität über 400.000 Tonnen weltweit). Sie tragen hohe Entwicklungskosten, und es fehlt noch die "economy of scale".
Rahmenbedingungen – die Gesetzlichen wie die des Marktes – spielen in dieser Markteinführungsphase eine große Rolle. Anders als bei für den Bereich der erneuerbaren Energie und Biokraftstoffe fehlt ein positiver Handlungsrahmen in Europa. In einzelnen Ländern der EU gibt es erste Initiativen, die Markteinführung von Biokunststoffen zu erleichtern. Die mittlerweile deutlich sichtbar werdenden Risiken des Klimawandels , die Versorgungssicherheit und die Preisentwicklung bei fossilen Rohstoffen, sind ernstzunehmende Gründe, nachhaltige Technologien zu fördern. Für Europa, mit seinen geringen Ressourcen an Erdöl- und Erdgas, wird die vermehrte Nutzung von Biomasse als Energieträger und Rohstoff wohl auf längere Sicht für die europäische Wirtschaft und Gesellschaft unverzichtbar. Biokunststoffe haben eine große Zukunft vor sich. Je eher sie beginnt, umso besser.

